Auschwitz-Birkenau: „Das Picknick, das kein Picknick war“

– Birkenau, Auschwitz II. Der zweite Tag der Studienfahrt des Arbeitskreis »Gegen das Vergessen«. Auf einer Tafel im Vernichtungslager Birkenau ist ein Foto aus dem Auschwitz-Album dargestellt. Es zeigt jüdische Frauen, Männer und Kinder, die zwischen einigen Bäumen stehen, sitzen, liegen. Sie wirken nicht ängstlich sondern fast neutral, beinahe entspannt. Die Tafel mit dem Foto steht in einem kleinen Waldstück, an genau der Stelle, an der das Foto zu Zeiten des Konzentrationslagers von SS-Männern zu Propagandazwecken gemacht wurde. „Es wirkt wie ein Picknick, aber es    war keins.“, sagt Professor Greif. Denn die Menschen auf dem Foto standen nur wenige Meter entfernt von den Gaskammern der Krematorien 4 und 5.

Die Gruppe steht in dem Waldstück und betrachtet ds Foto aus dem Auschwitz-Album

Ein Ort der Kontraste
75 bis 95 Prozent der Menschen, die mit den Transporten in Auschwitz-Birkenau ankamen – vorwiegend Frauen, Kinder, alte oder schwache Menschen – wurden bei der Selektion auf der Rampe direkt zu den Gaskammern geschickt. Auf dem Foto, das aussieht, als würde es einen Familienausflug darstellen, stehen Menschen, die wenige Augenblicke später vergast wurden. In der idyllischen Kulisse, dem kleinen Waldstück, deren Bäume zu dieser Jahreszeit mit gelb-orangenen Blättern geschmückt sind, erscheint das wenige Meter entfernte Krematorium surreal.

Kontraste wie dieser ziehen sich durch das gesamte Lager: Die systematische Vernichtung von Beweisen im Gegensatz zum Stolz der Nationalsozialisten auf die „eigene Rasse“ und ihre Überzeugung, dass ihr Handeln richtig war. Dann der Raum in der sogenannten neuen Zentral-Sauna mit einer Ausstellung von Familienfotos und Portraits aus den Koffern der ermordeten, die heimlich gesammelt wurden, während diese ungarischen Juden wahrscheinlich schon getötet waren. Das Lager „Kanada“, in dem die konfiszierten Besitztümer, die die Gefangenen mitbrachten untergebracht waren – auf der anderen Seite des Zauns die Menschen, denen alles genommen wurde. Und letztendlich: Das Foto von Frauen und Kindern in einer idyllischen Waldlandschaft – wenige Meter vor der Gaskammer.

Die Wand mit Fotos, die im Gepäck der Ermordeten gefunden wurden

Niemand sollte überleben
Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erstreckte sich am Höhepunkt seiner Entwicklung über eine Fläche von mehr als 2 Quadratkilometern, ein weiterer Ausbau, war in Planung gewesen – das von der SS kontrollierte „Interessengebiet“ darum herum umfasst 40 Quadratkilometer. Ein großer Teil des Lagers diente zur Unterbringung der Arbeitshäftlinge, die in den umliegenden Industrien  Zwangsarbeit als Sklaven leisten mussten.  Diese waren nur ein kleiner Teil der Menschen, die nach Auschwitz deportiert wurden – diejenigen, die nicht direkt nach der Ankunft vergast wurden. Die Bedingungen im Lager waren bewusst so schlecht, dass es für die dort untergebrachten Häftlinge kaum eine Chance geben sollte, zu überleben.

Nicht nur hatten es sich die Nationalsozialisten zum Ziel gesetzt, die jüdischen Menschen zu töten, sondern im Rahmen der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ jeden Beweis ihrer Existenz, bis hin zu Knochen und Asche, zu vernichten. Dies ist, wegen der Art und dem Umfang der gezielten Ermordung von Menschen, mit keinem anderen historischen Verbrechen oder Völkermord zu vergleichen. Selbst direkt neben den Gaskammern hatten die zum Tode Verurteilten keine Idee was mit ihnen passiert, erklärt Professor Greif. Niemand kann behaupten, zu wissen was die Menschen von ihrer Ankunft in Birkenau bis zu ihrem Tod gewusst und gedacht haben, allerdings verfolgten die Nationalsozialisten eine klare Strategie um die Menschen im ungewissen zu lassen. Sie wurden konstant, bis unmittelbar vor ihrem Tod, mit falschen Informationen versorgt, beispielsweise, dass die Gaskammer ein Raum zur Reinigung sei. Die Nationalsozialisten verfolgten eine Strategie der Lüge und des Betrugs, um Panik und Widerstand unter den zum Tode Verurteilten zu vermeiden.

Wir wollten nur drei Zeilen in der Geschichte
Die Häftlinge der Sonderkommandos, so Professor Greif, leisteten Widerstand gegen das System des Lagers. Sie versuchten unter Lebensgefahr mit heimlich angefertigten Fotos, für die Außenwelt zu dokumentieren, wie in Birkenau Menschen umgebracht und verbrannt wurden. Diese Fotos sollten eine Warnung für ungarische Juden sein, die vor einer Deportation standen.

Am 7. Oktober 1944 gab es einen Aufstand der Sonderkommando-Häftlinge, für den von den weiblichen Gefangenen aus der Waffenfabrik „Union Metallwerke“ der IG Farben Munition und Sprengstoff geschmuggelt wurden. Drei SS-Männer wurden bei dem Aufstand getötet und das Krematorium 4 in Brand gesetzt und gesprengt. Bis auf drei Sonderkommando-Häftlinge wurden alle 451 beteiligten Häftlinge hingerichtet, vier der Frauen aus der Waffenfabrik, die die Munition beschafften, öffentlich gehängt. Der Widerstand sei aussichtslos gewesen, sie wollen lediglich „drei Zeilen in der Geschichte“, eine symbolische Dokumentation ihres Widerstandes zur Wahrung der Würde des jüdischen Volkes.

Lagerzäune in Birkenau

Keine Schuld, sondern Verantwortung
Heute sind in der Gedenkstätte viele Schülergruppen aus Israel unterwegs. Sie üben verschiedene Formen des Gedenkens aus, es gibt Lieder, Lesungen oder Vorträge. Sie sind ein positives Beispiel, wie man heute an das Verbrechen des Holocaust erinnern kann und sollte. „Es ist unsere  moralische Pflicht, an dieses Verbrechen zu erinnern, das schulden wir den Ermordeten. Die heutige Generation von Deutschen trifft keine kriminelle Schuld daran – aber Verantwortung dafür, dass die Opfer des Holocaust nie vergessen werden und ein solches Verbrechen wie der Holocaust sich nie wiederholt.“

Advertisements