Auschwitz ist ein Ort, an dem deutlich wird, wohin Antisemitismus und Rassismus führen

26.10.2017, Tag 3 der Studienfahrt nach Auschwitz mit dem Arbeitskreis »Gegen das Vergessen«. Die 25 Mitreisenden stehen an der sogenannten „ Alten Judenrampe“, der Ankunftsrampe, die bis 1944 der Anlaufpunkt für alle Transporte mit den deportierten Juden war. Danach wurde die Bahnlinie direkt bis in das Lager Birkenau verlängert, um bei der Ankunft der ungarischen deportierten Juden Zeit zu sparen. Heute ist es hier deutlich ruhiger, als an der Rampe innerhalb des Lagers Birkenau, wo sich von Zeit zu Zeit mehrere Besuchergruppen aufstauen.  Sowohl an der neuen, als auch an der „Alten Judenrampe“ steht ein Wagon, wie er zum Transport der Juden nach Auschwitz verwendet wurde. Die Alte Judenrampe gerät für Besucher leicht in Vergessenheit, da sie in einiger Entfernung zum Lager liegt. Allerdings ist sie der Ort, an dem der Großteil der deportierten Juden ankam.

Wagon an der „alten Judenrampe“   

Man muss das Verbrechen benennen
Am letzten Tag in Auschwitz Birkenau besichtigt die Gruppe neben der „Alten Judenrampe“ die Anfänge der Massenvernichtung der Jüdinnen und Juden in Birkenau aus dem Jahre 1942: Das „weiße“ und das „rote Haus“ („Bunker I und Bunker II“, ehemalige Bauernhäuser). Circa 700 Menschen konnten in einem Vergasungsvorgang im „weißen Haus“ ermordet werden. Die Leichen der Ermordeten wurden in  großen Gruben hinter den Gaskammern verscharrt. Doch die rund 107.000 vergrabenen Leichen wurden von der Einheit 1005 – diejenige SS-Einheit, die mit der Vernichtung von Beweisen beauftragt war – wieder ausgegraben, um verbrannt zu werden. Schon bald reichte die Kapazität dieser beiden Gaskammern nicht mehr aus und es wurden im Frühling 1943 vier weitere „moderne“ Gaskammern und Krematorien gebaut, um die Vernichtung der europäischen Juden effizienter zu machen. Insgesamt gab es im Vernichtungslager Auschwitz 46 Verbrennungsöfen zur Verbrennung der Leichen.

Als Abschluss der Führungen durch das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz legte der Arbeitskreis »Gegen das Vergessen« einen Kranz am Denkmal am Ende der „neuen Judenrampe“ in Birkenau nieder. Dort steht auf Gedenktafeln in zahlreichen Sprachen ein Text: „Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier ermordeten die Nazis über anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas.“. Die Gruppe fand es wichtig, einen Kranz niederzulegen und  den ermordeten Männern, Frauen und  Kindern zu gedenken.

Gedenkveranstaltung des Arbeitskreises

Ob man an diesem Ort nicht besser schwiege, fragt der Teilnehmer Martin Harms in die Gruppe. Nein, man dürfe nicht darüber schweigen, sondern müsse die konkreten Verbrechen benennen. In einer kurzen Ansprache vermittelte er die Schlüsse, die er aus den letzten Tagen im Lager gezogen hatte.
Anschließend verlas Prof. Greif Psalm 102 „Herr erbarme dich über Jerusalem“ aus dem Alten Testament auf Hebräisch. Dieser stellt die miserable Situation des jüdischen Volkes dar und ist ein Gebet von ihnen zu Gott, ihnen aus der Not zu helfen und sie zu retten.
Anschließend sangen die Teilnehmer gemeinsam das israelische Volkslied „Shalom Chaverim“. „Shalom“ ist nicht nur eine Begrüßung, sondern heißt auch „Frieden“. Das Lied steht für Frieden, Freundschaft und Solidarität.

„Auschwitz ist ein Ort, an dem deutlich wird, wohin Antisemitismus und Rassismus führen. Die Erinnerung an Auschwitz verpflichtet uns heute, gegen Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus aufzustehen.“, fasst Edeltraut Kuschel die Position des Arbeitskreis »Gegen das Vergessen« zusammen. Das ist für sie das Ergebnis der drei intensiven Tage mit Professor Greif und der Gruppe des Arbeitskreises im Lager Auschwitz-Birkenau.

Kranzniederlegung des Arbeitskreis »Gegen das Vergessen«

Dem Ort Oświęcim fair begegnen
Danach besucht die Gruppe des Arbeitskreises die Stadt  Oświęcim und das jüdische Kulturzentrum. Vor dem Nationalsozialismus waren circa 60 Prozent der Bevölkerung dort jüdisch. Der Ort wurde schon vor der NS-Zeit von Deutschen als „Auschwitz“ bezeichnet. Auch durch diesen Namen entsteht seine problematische Rolle als Synonym für den Holocaust und das Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz.

Im jüdischen Zentrum der Stadt, einem Museum und Synagoge wird klar, dass die Stadt mehr ist und auch mehr sein sollte, als das Konzentrationslager Auschwitz. Die Führung durch das Museum wurde von einer jungen Frau aus Deutschland durchgeführt, die in Oświęcim ein freiwilliges Jahr mit der „Aktion Sühnezeichen“ macht. Sie betonte vor allem, dass es wichtig sei, der Stadt heute fair zu begegnen und sie nicht auf das Konzentrationslager zu reduzieren. Die Bewohner der Stadt seien nicht mit den Tätern aus der NS-Zeit gleichzusetzen.

Prof. Gideon Greif

Das Gebäude, in dem sich heute das jüdische Kulturzentrum befindet, war ursprünglich eine Synagoge, die von den Nazis in Brand gesetzt wurde, jedoch als einzige Synagoge des Ortes nicht vollständig zerstört wurde. Diese Synagoge, „Chevra Lomdey Mishnayot“, wurde wieder aufgebaut und dient heutzutage als aktive Synagoge für jüdische Besucher. In den Museumsräumen ist die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Oświęcim vor der NS-Zeit ausgestellt. Ein weiterer Raum wurde mit einer Dokumentation des Schicksals der jüdischen Gemeinde in Oświęcim zur Zeit des Nationalsozialismus ausgestattet. Im letzten Raum sind Fotos von Juden angebracht, die Opfer der Nationalsozialisten wurden, sowie Berichte über ihr Schicksal oder Interviews mit ihnen.

Danach gab es kein jüdisches Leben mehr in Oświęcim
Vor der NS-Zeit waren mehr als 60 Prozent der Bevölkerung von Oświęcim jüdisch. Nach 1945 waren es null Prozent. Niemand der ungefähr 400 Überlebenden aus dem Ort konnte nach Kriegsende wieder dort leben. Sie sahen sich auch nach dem Krieg mit Antisemitismus und Feindseligkeit konfrontiert, ihre Lebensstrukturen waren komplett zerstört worden.

Im Jahr 2001 starb mit Shimon Kruger der letzte Jude in Auschwitz. Danach gab es kein jüdisches Leben mehr in dem Ort, die 600-jährige jüdische Kultur in Oświęcim wurde durch die Nationalsozialisten ausgelöscht.

Advertisements