»Nichts blieb, kein Knochen«

  – so fasste Prof. Dr. Gideon Greif das Resultat der nationalsozialistischen Tötungsindustrie im Konzentrationslager Auschwitz zusammen. Wie kein anderes Lager steht Auschwitz für fabrikmäßige Vernichtung von Menschen im Holocaust, rund 1. Millionen Menschen wurden hier im Zeitraum von 1940 bis 1945 ermordet.

Prof. Dr. Giedon Greif: „Nichts blieb, kein Knochen“

72 Jahre später, 24. Oktober 2017. Die 25-köpfige Reisegruppe des Arbeitskreises »Gegen das Vergessen« aus Ostwestfalen-Lippe sammelt sich im Stammlager Auschwitz I um den israelischen Historiker Prof. Greif, der ihren Weg durch die Gedenkstätte an den folgenden drei Tagen wissenschaftlich begleiten wird. Auch Ende Oktober wärmt die Sonne an diesem Tag und die Blätter der Birken, Pappeln und Eichen strahlen in bunten Herbstfarben. Eine idyllische Fassade, der man das Grauen der NS-Zeit auf den ersten Blick nicht ansieht.

Die 25-köpfige Reisegruppe des Arbeitskreis „Gegen das Vergessen“

Knapp sechs Stunden dauert die Führung durch das Stammlager, das von der SS auf dem Gelände einer ehemaligen polnischen Kaserne errichtet wurde – zuerst ausschließlich für Häftlinge aus Polen, polnische Soldaten, Intellektuelle und Oppositionelle.

Die Gruppe steht sich auf der Hauptstraße des Lagers, auf dem die Häftlinge zu stundenlangen Zählappellen versammelt wurden. Die mit Steinen und Schotter befestigten Straßen führen durch das von Hochspannungs-Stacheldrahtzäunen umsäumte Gelände. Dazwischen stehen ein- bis zweigeschossige Häuser aus orangem Backstein, die teils aus der Zeit als Kaserne stammen, teils nachträglich um ein zweites Stockwerk erhöht wurden. Die Gebäude dienten beispielsweise als Unterkünfte für Häftlinge mit Sonderstatus, Handwerkerschulen oder Lagergefängnis. Heute sind dort unter anderem verschiedene Ausstellungen und das Archiv der Gedenkstätte untergebracht.

Töpfe, Haare, Brillen und Schuhe
Die Ausstellung in Block 4 zeigt Dokumente zur Deportation der Juden nach Auschwitz, sowie einige Fotos aus dem Auschwitz-Album und Fotos, die von Häftlingen der Sonderkommandos gemacht wurden. Diese dokumentieren die Ankunft auf der Rampe und die Selektion der Gefangenen. Bei der Ankunft wurden 85 bis 95 Prozent der Menschen direkt vergast, von ihrer Ankunft bis zu ihrer Ermordung vergingen oft nicht mehr als vier Stunden. Im Fokus der Führung mit Prof. Greif stehen die Häftlinge der Sonderkommandos, die gezwungen wurden, an der maschinellen Tötung  teilzunehmen. Einige der Fotos in den Ausstellungen wurden unter Lebensgefahr von diesen Häftlingen angefertigt, um die Zustände im Lager der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Gruppe wird schlagartig still, als sie in einen der Ausstellungsräume tritt, in dem die Ausraubung und Verwertung der Juden deutlich gemacht wurde – hier lagen Berge von Haaren, die den Menschen nach der Ermordung abgeschnitten wurden. Diese wurden anschließend verkauft oder verwertet.

Die Verwertungsstrategie wird noch deutlicher: In Block 5 sind die sorgfältig beschrifteten Koffer ausgestellt, die die Gefangenen mit in das Konzentrationslager brachten. In weiteren Räumen befinden sich Schuhe, Brillen, Prothesen, Kämme und Haushaltsgegenstände wie Geschirr und Töpfe. Diese zeigen vor allem eins, erklärt Professor Greif: Dass die Menschen nicht damit gerechnet hatten, in Auschwitz ermordet zu werden. Die Mitnahme von Haushaltsgegenständen zeigt, dass die Menschen darauf hofften, ihr Leben an einem anderen Ort neu aufbauen zu können.

Eine neue Ausstellung, die in Kooperation mit der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erstellt wurde, bestand aus Filmen, Familienfotos, Kinderzeichnungen und Zeitzeugen-Interviews und machte die Shoah multimedial auf einer noch persönlicheren Ebene greifbar.

Auschwitz I – Stammlager

Orte der Tötung
Die Gruppe vom Arbeitskreis »Gegen das Vergessen« steht zwischen Block 10 und 11, vor der »Schwarzen Wand«. Dort wurden tausende von Häftlingen erschossen. Heute werden dort Kränze niedergelegt und Kerzen angezündet. In diesem Hof stand zu KZ-Zeiten auch ein Galgen, der nun in Block 11 steht, dem ehemaligen Lagergefängnis. Dort wurden Häftlinge zum Hungertod verurteilt. Ebenfalls befinden sich im Keller des Blocks Stehzellen, in der Gefangene auf engstem Raum für mehrere Tage im Dunkeln eingepfercht wurden. Das dunkle, beengte Lagergefängnis als »Gefängnis im Gefängnis«, sowie auch der Hof vor der »Schwarzen Wand« sind Orte, die trotz guten Wetters und dank Kränzen und Gedenktafeln zu Orten des Gedenkens geworden sind.

Zum Ende der Führung tritt die Gruppe aus der bedrückenden Dunkelheit der ersten Gaskammer von Auschwitz wieder nach draußen in den Sonnenschein. Vor 70 Jahren war das für 700 Menschen – so viele passten auf einmal in die Gaskammer – nicht mehr möglich. Sie wurden durch Zyklon B vergast. An den Wänden der Gaskammer finden sich Kratzspuren unzähliger Hände, die von der Qual des Erstickens zeugen. Hinter der Gaskammer befinden sich die Öfen, in der die Leichen verbrannt wurden, bis nur noch Asche übrig  war.

Was blieb(?)
»Arbeit macht frei«, steht auf dem großen Tor zum Stammlager, durch das die Gruppe das Häftlingsgelände wieder verlässt. »Nichts blieb, kein Knochen«, sagt Professor Greif und auch »Selbst der rangniedrigste Wächter in Auschwitz war ein Verbrecher«.  Trotz der systematischen Spurenbeseitigung durch die SS, findet sich heute aber doch noch etwas von den Getöteten wieder: Der Auftrag an uns, das Geschehene nicht zu vergessen, Erinnerungskultur weiter zu leben. In der Gedenkstätte befinden sich heute viele Gruppen, vor allem junger Menschen. Mitglied des Arbeitskreises Manfred Hilbrink-Späth resümiert: »Das gibt uns Hoffnung, dass die Erinnerung an dieses unfassbare Verbrechen nicht verloren geht. Es bleibt doch etwas: Das Versprechen, dass so etwas sich nicht wiederholen darf.«

Advertisements